29. Jul 2020

Qualität und Management in Kultureinrichtungen

Viele Visionen verderben den Brei nicht

An Qualitätsmanagement und einem Managementsystem kommt man auch im Kulturbereich nicht vorbei - was bedeutet Strategie im Museum und wie kann ein Museum seine Vision umsetzen?

Ein gutes Managementsystem geht immer von der unternehmenseigenen Vision und der daraus entwickelten Strategie aus. Klar! Nach der ersten Ausgliederung der Bundesmuseen haben die Museen viele Visionen gehabt und diese auch in Mission Statements formuliert. Die Politik gab ihnen viel Freiraum, so dass sich zahlreiche Wege entwickeln konnten: museumseigene Geschäftsmodelle, zielgruppenspezifische Programme, unterschiedliche wissenschaftliche Ausrichtungen, neue Ausstellungsformate aber auch wirtschaftliche Schwerpunkte wurden gesetzt. Visionen wurden gebaut – aber was wurde aus ihnen? Konnten die Museen diese langfristig ausgelegten Visionen umsetzen? Hatten sie die nötige Zeit bzw. basierte ihr Geschäftsmodell auf diesen Visionen? Rund sieben Jahre lang schon – dann war Schluss. Keiner sprach plötzlich mehr über Visionen, sondern nur mehr von Neustrukturierung. Es kam zu einer ersten großen Bundesmuseumsreform durch die Kulturpolitik – und keiner wusste so genau warum? Alle Museen hatten doch eine Vision, die sie langfristig in einer klar formulierten Strategie umsetzten – eben langfristig, 10 Jahre, mehr? Wie lange darf langfristig für die Kulturpolitik dauern?

Ein Blick zurück

Das für Kultur zuständigen Ministerium mit einem Bankmanager an der Sektionsspitze meinte 2007, dass es bei den Bundesmuseen nun Zeit für klare Strukturen und eindeutig definierte Zuständigkeiten werde – auch inhaltlich.

Gut, die einzelnen MuseumsdirektorInnen haben sich in der (Programm-)Planung und in der Sammlungsstrategie nicht immer miteinander abgesprochen und so kam es, dass in einem Jahr mehrere Ausstellungen mit dem gleichen Thema gezeigt wurden und sich alle für Moderne Kunst zuständig fühlten. Sogar im Technischen Museum Wien gab es Kunst zu sehen – künstlerische Interventionen – weil es dafür finanzielle Unterstützung gab. Aber: auch bei ähnlichen Ausstellungsthemen waren es doch nicht die gleichen Ausstellungen und es waren immer verschiedene spannende Impulse für die Besucherinnen und Besucher.

Haben in dieser Zeit, in der die Kulturpolitik starken Einfluss auf die Kulturunternehmen nahm, die Bundesmuseen ihre Visionen aufgegeben? Haben sie eine neue (vorgegebene) Strategie ohne Vision verfolgt? In vielen Bundesmuseen hängt die Museumsvision von vor 20 Jahren noch in einem Rahmen an der Wand. Oft liest sie sich etwas überaltert …

Was bedeutet Strategie im Museum?

Strategie im Museum bedeutet, aufbauend auf dem Museumskonzept, den Weg in die Zukunft in Etappenzielen zu beschreiben. Die Vision sind die Berge in der Ferne, die es gilt zu erreichen, die Mission ist ein Weg, auf dem man dorthin kommt und die Strategie sagt wie – zu Fuß, mit dem Rad, mit dem Auto oder ganz anders. Und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen von ihren Führungspersonen, was da wozu formuliert ist, wie das geht und welche Aufgaben, Verantwortungen und Ziele sie zu erfüllen haben? Strategie ist ein zielorientiertes Rahmenkonzept für Taktiken, die unter einer bestimmten Ungewissheit formuliert werden und ständig auf aktuelle Umweltinformationen zu überprüfen sind (Kreikebaum 1997). Wer überprüft für Museen laufend die Strategie? Sitzen die beiden GeschäftsführerInnen regelmäßig zusammen und denken darüber nach, ob ihre Strategie noch aktuell und auf dem richtigen Weg ist? Oder legen die Geldgeber fest, was jetzt wieder einmal neu strukturiert und geordnet werden muss? Wer verändert unsere Mission, unsere Vision und unsere Strategien im Museum?

Der harmonische Dreig'sang von Vision, Strategie und den abgeleiteten Zielen ist Voraussetzung dafür, dass Maßnahmen klar und verständlich formuliert sowie erfolgreich umgesetzt werden können. Es geht darum, sich auf die Veränderungen unserer Zeit und damit auf die Erwartungen von Besucherinnen und Besuchern einzustellen! Qualität heißt, die Produkte und Dienstleistungen so zu gestalten, dass die Kunden diese annehmen (in unserem Wirtschaftssystem gleichbedeutend mit „diese bezahlen“; in unserer Kultur gleichbedeutend mit „diese wertschätzen“), weil sie eine Erwartung, ein Bedürfnis von ihnen erfüllen. Dafür braucht jeder Kulturbetrieb seine Vision, aus der seine Strategie entwickelt wird – und die kann nicht in allen Unternehmen dieselbe sein. Viele unterschiedliche Visionen beleben das Kulturleben. Kulturpolitische Rahmenvereinbarungen können Bestandteil dieses Systems sein – können aber nicht den innerbetrieblichen Dreig'sang ersetzen.

Kultureinrichtungen brauchen dafür ein Managementsystem, dass von den museumseigenen Visionen ausgeht und konsequent umsetzt.

Einen Diskussionsansatz dazu bieten ganzheitliche Qualitätsmanagementsysteme, wie z.B. das EFQM Excellence Modell, die eine zukünftige Entwicklung berücksichtigen, gesellschaftliche Wirkung ernst nehmen und zahlreiche Werte (und nicht nur das Geld) zulassen (und damit meine ich nicht einen zu erreichenden Qualitätsmanagement-Mindeststandard, der Forderungen an Unternehmen überschaubar hält – Zertifikat hin oder her).

Zum Autor

Porträt Wolfgang TobischMag. FH Wolfgang Tobisch AE bezeichnet sich als generalistischer Kulturmanager. Er war u.a. verantwortlich für erfolgreiche Ausstellungsprojekte, entwickelte neue Vermittlungsformate und war rund 10 Jahre kaufmännischer Leiter des Technischen Museums Wien. Nach über 30 Jahren Arbeit im Kulturbereich und nach einer langen Auseinandersetzung mit Qualitätsmanagement setzt er sich für eine Diskussion von Kulturarbeit – speziell Museumsarbeit – und Qualität(-smanagement) ein. Mehr dazu gibt es auch in seinem LinkedIn Profil.

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