Über den Aufbau einer gelebten Qualitätskultur
Quality with Heart
Tom Rittel von der chargecloud GmbH wurde mit seinem Projekt „Quality with heart – Etablierung einer gelebten Qualitätskultur“ als „Qualitäts-Champion 2026“ ausgezeichnet.
Mit „Quality with Heart“ wurde bei der chargecloud GmbH in nur zweieinhalb Jahren ein integriertes Qualitäts-, Sicherheits- und Umweltmanagement aufgebaut. Neben erfolgreichen ISO-9001- und ISO-14001-Zertifizierungen entstanden ein innovatives Auditprogramm mit Kulturfokus sowie die KI-Assistentin „I’M Sophie“, die Wissen und Prozesse nachhaltig im Alltag verankert.
Warum habe ich teilgenommen?
Zweieinhalb Jahre lang habe ich bei der chargecloud GmbH Ideen umgesetzt, die ich mir so vorher nicht vorstellen konnte: Audits, die Teams wirklich einfordern. Eine KI-Assistentin, die Dokumentation nahbar macht. Ein Qualitätssystem, das nicht trotz der Unternehmenskultur funktioniert, sondern durch sie.
Irgendwann stellte ich mir die ehrliche Frage: Ist das, was ich hier tue, wirklich gut? Oder bewege ich mich in meinem eigenen Mikrokosmos und halte das für besonders, was am Ende nur „anders" ist?
Die Bewerbung beim Qualitäts-Champion-Award war meine Antwort auf diese Frage. Ich wollte mich einer externen, hochkarätigen Fachjury stellen – nicht um eine Auszeichnung zu gewinnen, sondern um zu erfahren, ob diese Art von Qualitätsmanagement auch außerhalb der eigenen vier Wände Anklang findet. Ob es adaptierbar ist. Ob es anderen Mehrwert stiftet. Und ich wollte zeigen: QM kann kreativ, menschlich und nahbar sein. Wenn man mit echter Leidenschaft und Engagement an dieses Thema herangeht, entsteht etwas, das Menschen bewegt – und nicht nur Dokumentenregale füllt.
Was bedeutet Qualität für mich?
Ich komme aus der klassischen QM-Schule. Von der Pike auf gelernt, in großen Konzernen sozialisiert, ISO-Normen seit meinen Anfangstagen vertraut. Und gerade deshalb stellte ich mir bei meinem Einstieg in ein junges, schnell wachsendes Scale-up eine Frage, die ich vorher nie so direkt formuliert hatte:
Kann klassisches Qualitätsmanagement eigentlich die Wirkung entfalten, die diese Organisation braucht?
Meine Antwort, nach vielen Gesprächen, Experimenten und ehrlichen Rückmeldungen: Qualität ist vor allem eine Kultur. Ein Zertifikat ist ein Ergebnis. Ein Audit ist ein Instrument. Aber Qualität – wirkliche, gelebte Qualität – entsteht dann, wenn Menschen in einer Organisation von sich aus gut arbeiten wollen. Wenn sie stolz auf ihre Prozesse sind. Wenn sie Verbesserungen einfordern, weil sie die Wirkung sehen.
Qualitätsmanagement kann diesen Boden bereiten. Aber nur, wenn es selbst diese Haltung verkörpert: verständlich, nahbar, menschlich. Nicht Kontrolle, sondern Befähigung. Nicht Bürokratie, sondern Orientierung. Das ist das Fundament von „Quality with Heart".
Kurzvorstellung des Projekts
„Quality with Heart" ist meine zweieinhalbjährige Reise als erster Qualitäts- und Prozessmanager – später Operational Excellence Manager – bei der chargecloud GmbH: einem Remote-First-Scale-up in der europäischen E-Mobilitätsbranche.In dieser Zeit habe ich auf der sprichwörtlichen grünen Wiese ein ISO-9001-Qualitätsmanagementsystem aufgebaut und zertifiziert, ein Umweltmanagementsystem nach ISO 14001 etabliert und alle drei Systeme – QMS, UMS und das bestehende ISMS nach ISO 27001 – zu einem integrierten Managementsystem zusammengeführt.
Parallel dazu ist ein OPEX-Framework entstanden, ein neuartiges Auditprogramm mit messbarer Qualitätskultur und eine KI-gestützte Wissensassistentin namens „I'M Sophie". Das Projekt zeigt, wie Managementsysteme in einer hochdynamischen Organisation nicht als Fremdkörper, sondern als aktiver Multiplikator wirken können.
Ausgangssituation und Problemstellung
Als ich im Juli 2023 zu chargecloud kam, befand sich das Unternehmen in einer Hyperwachstumsphase: von rund 117 auf fast 250 Mitarbeitende in knapp zwei Jahren, fünf bis zehn Neueinstellungen pro Monat, regelmäßige Reorganisationen. Strukturen entstanden und veränderten sich, bevor sie sich stabilisieren konnten.
Qualitätsarbeit fand dezentral statt – engagiert, aber ohne gemeinsames System. Kein QMS, kein UMS, eine historisch gewachsene Dokumentationslandschaft mit tausenden Confluence-Seiten und kaum durchgängigem Prozessverständnis an den Schnittstellen. Wer etwas suchte, fand häufig zu viel, zu Altes oder schlicht gar nichts. Hinzu kam die berechtigte Sorge vieler Teams: Qualitätsmanagement als bürokratische Bremse – ein Apparat, der Papier produziert, aber keine echte Wirkung entfaltet. In einer jungen, digitalaffinen, eigenverantwortlichen Unternehmenskultur wäre genau das der Todesstoß für jede QM-Initiative gewesen. Die eigentliche Herausforderung war also keine normative, sondern eine kulturelle: Wie baut man ein auditfähiges Managementsystem auf, das gleichzeitig zur DNA einer Organisation passt – und nicht gegen sie arbeitet?
Umsetzung und Herausforderungen
Mein erster Schritt war, zuzuhören statt zu handeln. In den ersten Wochen führte ich ausführliche Interviews mit allen relevanten Bereichen, analysierte Prozesse und Dokumentation und machte ein QM-Self-Assessment. Erst danach bestätigte ich der Geschäftsführung: Eine ISO-9001-Zertifizierung bis Jahresende ist realisierbar.
Aufbau des QMS und der Prozesslandschaft (2023) Gemeinsam mit den Bereichen wurden rund 100 Prozesse digital modelliert, miteinander verknüpft und über einen gemeinsamen Objektkatalog steuerbar gemacht. Der QMS-Aufbau wurde im OKR-Zyklus verankert – als gemeinsamer Meilenstein, nicht als QM-Sonderprojekt. Im Dezember 2023 folgte das externe Audit, das Zertifikat im Januar 2024.
OPEX-Framework und integriertes Managementsystem (2024–2025) Nach der Zertifizierung wechselte ich in die Rolle des Operational Excellence Managers und baute ein bereichsübergreifendes OPEX-Framework auf. Parallel entstand das UMS nach ISO 14001 (Zertifizierung Juni 2025), das schließlich gemeinsam mit QMS und ISMS zu einem integrierten Managementsystem zusammengeführt wurde.
Audits auf Augenhöhe Das Herzstück des Projekts ist das Auditprogramm „Quality with Heart". Die Grundfrage: Warum muss ein Audit wie eine Kontrolle wirken? Unsere Antwort: muss es nicht. Themenbezogene Audits, ein transparenter Quality Score (Exzellenzstufe ab 90 %), integrierte Kulturfragen – und ein Audit-Sternescore, bei dem die auditierten Teams uns als Auditor:innen bewerten. Wir geben den Teams nach jedem Gespräch Raum, uns Rückmeldung zu geben. So verbessern wir uns gegenseitig.
Noch einen Schritt weiter: Wir haben Audits gezielt genutzt, um neu entwickelte Unternehmenswerte ins Gespräch zu bringen – ohne Wertung, aber mit echter Neugier. Die Rückmeldungen daraus wurden zu einem Stimmungsbarometer, das klassische Mitarbeiterumfragen in dieser Tiefe nicht abbilden können.
Das Ergebnis 2025: 23 Audits mit 26 Teams, durchschnittlicher Quality Score 84,5 %, Audit-Zufriedenheit 4,8 von 5 Sternen bei rund 90 % Rücklaufquote.
„I'M Sophie" – KI-Assistenz, die wirklich hilft Dokumentation ist notwendig, aber selten geliebt. Statt Prozess-Owner mit Anforderungen zu konfrontieren, haben wir ihnen ein Werkzeug an die Hand gegeben: „I'M Sophie" – eine KI-gestützte Assistentin, deren Name bewusst gewählt ist (IMS – Integriertes Managementsystem steckt drin). Sophie hilft beim Erstellen hochwertiger Dokumentation nach einheitlichen Standards und macht internes Wissen auf Knopfdruck zugänglich. Der entscheidende Gedanke dahinter: Menschen suchen nicht nach „Verfahrensanweisung Dienstreisemanagement, Seite 6, mittlerer Absatz". Sie fragen: „Ich bin neu hier – wie mache ich eine Dienstreise?" Sophie versteht genau diese menschliche Suchlogik, liest den gesamten Wissensbestand, referenziert die Quellen und macht Wissen lebendig nutzbar.
Nutzen des Projekts und nächste Schritte
Das Managementsystem von chargecloud erfüllt heute drei Normen – und lebt trotzdem. Es gibt Orientierung in einer Organisation, die sich täglich weiterentwickelt. Audits werden eingefordert, nicht gefürchtet. Dokumentation wird als Werkzeug gesehen, nicht als Pflichtübung.
Was ich aus dieser Reise mitgenommen habe, nehme ich heute in meine Beratungs- und Trainingsarbeit mit: Der Aufbau einer gelebten Qualitätskultur ist keine Frage der Normanforderungen, sondern der Haltung. Systeme müssen zur Organisation passen – nicht umgekehrt. Und wer bereit ist, bewährte Instrumente wie Audits oder Dokumentation mutig neu zu denken, kann daraus etwas entstehen lassen, das Menschen wirklich bewegt.
Als Trainer liegt mir dabei besonders eines am Herzen: den Funken zu entzünden. Nicht nur zu erklären, wie QM funktioniert, sondern Menschen für neue Denkansätze zu begeistern – darunter auch die praxisnahe Einbindung von KI in QM-Prozesse. Denn am Ende sind Managementsysteme nur so gut wie die Menschen, die sie mit Leben füllen.
Mein Appell an alle, die Qualitätsmanagement gestalten: Bleibt neugierig. Verleugnet nicht den Ursprung – die Methodenwelt des klassischen QM ist wertvoller denn je. Aber habt den Mut, sie weiterzudenken. QM kann anders sein. Menschlicher. Wirksamer. Mit mehr Herz.
Zum Autor
Tom Rittel wurde als Qualitäts-Champion 2026 ausgezeichnet. Hauptberuflich ist er Specialist Quality & Process Excellence bei der chargecloud GmbH. Nebenbei brennt er als Trainer und Berater bei Quality Monday dafür, den Funken für Qualitätsmanagement weiterzugeben – insbesondere für neue Denkansätze, moderne QM-Praktiken und die praxisnahe Einbindung von KI. Er schreibt regelmäßig auf LinkedIn im Newsletter „Quality Monday".
Lassen auch Sie uns an Ihren Erfolgsgeschichten teilhaben und bewerben Sie sich für unsere Qualitäts-Auszeichnungen!
Wir sind gespannt auf Ihre Ideen, Projekte und Arbeiten – Sie können nur profitieren!
HIER gibt es nähere Informationen.

