19. Jan 2022

Wo die Grenzenlosigkeit ihre Grenzen hat

Enhancement – Innovationen ohne Limit?

Lassen Sie uns mit einem kleinen Test beginnen: Die dritte Wurzel aus der Zahl 1.367.631 ist was?

Das ist nicht so einfach, aber zum Glück ist es grundsätzlich auch nicht so wichtig, die dritte Wurzel aus dieser Zahl zu kennen. Wenn Sie diese Wurzel schnell im Kopf errechnen könnten, dann wäre Ihnen das Staunen der Umgebung gewiss. Vielleicht könnten Sie dann auch noch ganz andere Dinge. Das wäre dann wahrscheinlich sogar viel sinnvoller, als dritte Wurzeln zu berechnen. Dass wir Menschen vor allem immer schneller und besser werden wollen, das steht außer Frage. Was also, wenn unser Gehirn unfassbar, also grenzenlos leistungsfähig wäre?

Das ist zugegeben kein neuer Gedanke. Es war nur Science Fiction. Aber aus Science Fiction wird immer wieder Realität. Denn wir erweitern unsere Möglichkeiten immer weiter. Die Gedanken und das Denken sollen nicht nur frei, sondern vor allem grenzenlos sein. Und daran wird gearbeitet. Das sind große zu bestellende Felder der Innovation. Und sie werden bestellt.

Horizonterweiterung

Erweiterungen haben zunächst ja auch etwas grundsätzlich Positives: Horizonterweiterung, Erweiterung des Produktportfolios, Unternehmenserweiterung, Sichtfelderweiterung. Alles sehr positiv. Eine schöne Bezeichnung für die technische Erweiterung der Gehirnleistung ist die „Kognitionsoptimierung“, dicht gefolgt von „Hirndoping“ oder „Hirntuning“ und „kosmetische Psychophar-makologie“. Kosmetisch! Weitere Begriffe sind „Brain-Enhancement“, „Kognitives Enhancement“ oder „Neurokognitives Enhancement“. Hauptsache Enhancement! Das verspricht Steigerung bei gleichzeitigem Sparen. Enhancement ist Trend.

Wenn nun das, was unser Gehirn auf der Basis seiner genetischen Disposition zu leisten vermag, nicht mehr ausreichen sollte, dann gilt es etwas zu unternehmen. Zunächst sollte die Frage gestellt werden, warum die vorhandenen „PS“ unseres Gehirns nicht mehr reichen. Diese Frage dürfte aber so schnell beantwortet sein, wie sie gestellt wird: Die Umgebung macht's!

So wie in westeuropäischen Ländern die Armutsfrage nicht mehr das physische Überleben der Menschen betrifft, sondern das Mithalten des einzelnen Menschen mit der gesellschaftlichen Entwicklung, so wird sich auch die Gehirnleistung auf die Umgebung beziehen müssen. Wenn sich nun die Umgebung gehirnleistungsbezogen weiterentwickelt, man selbst aber nicht, dann wird man abgehängt. Das ist ein unangenehmer Gedanke, den man sich natürlich vor allem in der praktischen Konsequenz ersparen möchte.

Ein Gedankenexperiment

Der Gedanke wird aber noch viel unangenehmer, wenn Sie folgendes Gedankenexperiment mitgehen: Sie haben eine zehnjährige Tochter. Und selbstverständlich lehnen Sie es komplett ab, dass Ihrem Kind ein Chip ins Gehirn implantiert wird. Niemals! So werden Sie sagen – und Sie haben recht! Und dann erleben Sie, wie Ihre Tochter immer öfter weinend von der Schule nach Hause kommt. Sie kann mit den anderen Kindern nicht mithalten. Denn die anderen Kinder haben leistungssteigernde Chips implantiert, weil deren Eltern wollen, dass aus ihnen mal was Besseres wird. Deren Kinder können besser, schneller und komplexer denken. Ihre Tochter hat keine Chance. Sie weint und ist verzweifelt. Sie dagegen wollen gute Eltern sein und Ihr Kind von einem nicht medizinisch indizierten Eingriff zum Enhancement verschonen. Aber Sie bringen mit Ihrer Entscheidung Ihr Kind zum Weinen und verbauen ihm auch noch die Lebenschancen, die den anderen Kindern offenstehen! Dann sind Sie wohl doch keine so guten Eltern, oder? Sie möchten Ihrem Kind sowohl das eine, als auch das andere ersparen. Und das ist das Problem.

Das ist keine neue Diskussion. Aber die praktische Konsequenz dieser Diskussion ist der blanke Horror. Und es ist nur eine Frage der kurzen Zeit, bis diese Diskussion der sich eröffnenden Enhancement-Möglichkeiten auch eine endgültige praktische Relevanz hat. Innovationen haben fast immer eine ethische Dimension, die es mitzudenken gilt. Nicht nachher, sondern von Anfang an. Die Zeit dafür ist schon längst reif. So fordert das EFQM-Modell im Kriterium 5 zwar, sich Innovationen – sozusagen als Chance – zunutze zu machen, die die Transformation für die Zukunft fördern. Zugleich wird aber nicht nur in diesem Kriterium gefordert, die Risiken dazu zu identifizieren und die Auswirkungen zu bewerten. Und wir werden gut beraten sein, genau das zu tun.

Auch wenn ich stets mit großer Begeisterung und nahezu kindlichem Staunen auf das schaue, was an Innovationen in unsere Welt gelangt, was heute alles möglich ist, was selbst wenige Jahre zuvor als völlig unmöglich erschien, so habe ich dennoch immer auch ein gewisses Maß an Skepsis. Das haben nicht alle. Vielleicht ist das gut. Vielleicht auch nicht.

Vor einiger Zeit sorgte ein schwedisches Unternehmen für Aufsehen. Es implantiert seinen Mitarbeitenden Chips in der Größe eines Reiskorns in die Hand. Mit diesen können sie dann Türen des Unternehmens öffnen. Oder die Arbeitszeiten können so erfasst werden. Der Chip kann dann auch nicht mehr zu Hause vergessen werden. Das spart alles Zeit und damit auch Geld. Der Chip als Sparmodell. In dem schwedischen Unternehmen basiert die Teilnahme am Chip-Programm auf Freiwilligkeit. Aber natürlich ließe sich das auch ändern. Prämien für die einen, keine Prämien für die anderen. Aufstiegsmöglichkeiten für die einen, keine für die anderen. Es geht wieder um das Mithalten-Können.

Wir wissen aber auch, dass alles, was vernetzt ist, gehackt werden kann. Dann handelt es sich nicht mehr nur um Systeme, sondern dann werden Menschen gehackt – auch ohne dies selbst zu merken. Was ist also zu tun? Es ist schwierig. Es ist sogar sehr schwierig. Und trotz aller Schwierigkeit können wir eines keinesfalls: uns diese Diskussion sparen oder gar schenken!

Zum Autor

Portrait Markus ReimerDr. phil. Markus Reimer ist international gefragter Keynote-Speaker zu den Themen Innovation, Qualität, Wissen und Agilität und Autor (Das Walross, Die Seegurke, Der Kugelfisch - Business Reflexionen). Ebenso ist er qualityaustria Netzwerkpartner, Auditor und Trainer.

www.markusreimer.com

Der Artikel ist in ähnlicher Form erschienen im neuen Buch von

Markus Reimer „Das Walross – 24 finale Gewusst-Wie Business-Reflexionen“

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