21. Jan 2019

Wie vergleichbar sind die Punktewertungen aus unterschiedlichen EFQM Assessments?

EFQM und die Vierschanzentournee

Als Unternehmer, Sportler, Musiker… versucht man von Jahr zu Jahr, von Wettbewerb zu Wettbewerb oder von Konzert zu Konzert besser zu werden, als man in der Vergangenheit war. Womöglich zieht man Vergleiche heran, um die eigene Entwicklung messen zu können. Sei es im Sport durch Punkte oder Zeit, als Musiker durch verkaufte Tonträger oder Konzertbesucher, oder im Unternehmensalltag durch das EFQM Excellence Modell mit Hilfe der RADAR Punktebewertung.

Beim EFQM Modell handelt es sich um ein hervorragendes Tool, um Stärken und Potenziale in einer strukturierten Vorgehensweise zu identifizieren. Des Weiteren ermöglicht ein EFQM Assessment Unternehmen, eine ganzheitliche Betrachtung und die Identifikation von blinden Flecken. Was aber jedem Unternehmen bewusst sein muss: ein EFQM Assessment kann und wird in vielen Fällen Dinge ans Tageslicht bringen, über welche bis dahin gerne hinweggesehen wurde. Aber genau hier liegt der große Nutzen eines EFQM Assessments. Jim Collins nennt dies in seinem Buch „Good to great“ so treffend „der Realität ins Auge blicken“. Um langfristig erfolgreich zu sein, muss man sich auch den brutalen Tatsachen stellen, egal wie unfreundlich sie sind. Jack Welch, einer der erfolgreichsten CEOs unserer Zeit, teilt diese Meinung: „Stell dich den Realitäten, auch wenn es unbequem ist, und sprich alles offen aus, auch wenn es schmerzt.“

Kommen wir aber wieder zurück zur Ausgangsfrage.

 

Was hat ein EFQM Assessment mit der Vierschanzentournee gemeinsam?

Eine Frage, welche im Zuge eines EFQM Assessments immer wieder gestellt wird ist: Hilft mir das EFQM Modell bzw. ein EFQM Assessment dabei, dass ich von Jahr zu Jahr „automatisch“ besser werde? Meine Meinung dazu ist: Das kommt darauf an.

Ein EFQM Assessment ist ein hervorragendes Tool, um eine Organisation zu durchleuchten, sowie Stärken und Potenziale zu identifizieren. Ein EFQM Assessment ist aber keine Garantie dafür, dass ich morgen mehr Gewinn mache als gestern oder meinen Marktanteil in den nächsten 6 Monaten steigere.

Ein EFQM Assessment unterstützt mich aber sehr wohl dabei festzustellen, in welchen Bereichen ich möglicherweise genauer hineinschauen muss. Ein EFQM Assessment hilft mir bei der Identifikation von Stärken und Potenzialen.

Man muss sich jedoch bewusst sein: Ein EFQM Assessment ist immer ein Blitzlicht / eine Bestandsaufnahme der aktuellen Situation des Unternehmens, sowie der aktuellen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und des gegenwärtigen Kontexts, in welchem das Unternehmen heute tätig ist.

Was hat das aber nun mit der Vierschanzentournee und der EFQM Punktebewertung zu tun? Stellen wir uns die Vierschanzentournee als EFQM Assessment vor.

Ryoyu Kobayashi gewinnt 2018/2019 die Tournee mit 1.098 Punkten und über 60 Punkten Vorsprung auf den Zweitplatzierten (RADAR Bewertung).

 

Ein Blick in eine mögliche Zukunft

Um diesen Erfolg nächstes Jahr wiederholen zu können und den Vorsprung auszubauen, holt er sich Rat bei einer Skisprunglegende in Bezug auf seine Stärken und Potenziale (Assessment). Diese Skisprunglegende gibt ihm konkrete Tipps und Anregungen in Bezug auf Anlauf, Absprung, Fitness etc. (Feedback Report).

Im Zuge der Vorbereitung für die nächste Vierschanzentournee setzt Ryoyu Kobayashi alle Anregungen um und geht stark davon aus, dass er 2019/2020 die Tournee mit einem noch größeren Abstand gewinnen wird. Die Vierschanzentournee vergeht und Ryoyu Kobayashi wird nur Dritter.

Wie konnte das passieren? Die Vorschläge und Tipps wurden umgesetzt, und trotzdem wurde er schlechter?! Was kann der Grund dafür sein?

Vieles könnte passiert sein, dass im Laufe des ersten Assessments nicht gewusst werden konnte. Es könnten sich im Vergleich zur letzten Vierschanzentournee die Regeln in Bezug auf die Punktebewertung verändert haben, so dass die Vorschläge vom damaligen Zeitpunkt heute nicht mehr gültig sind. Es könnte sich auch das Material geändert haben, wodurch andere Bewegungsabläufe notwendig sind. Es könnten aber auch neue Wettbewerber zur Vierschanzentournee gekommen sein etc.

Und das gleiche kann auch im Wirtschaftsleben passieren. Eine Weltwirtschaftskrise bricht aus, ein neuer Wettbewerber drängt auf den Markt etc. Kurz gesagt, der Kontext der Organisation kann sich signifikant ändern, wodurch die Handlungen und Empfehlungen von gestern, heute nur mehr bedingt zweckmäßig und nützlich sein können.

Lange Rede, kurzer Sinn. Bei einem EFQM Assessment handelt es sich immer um eine Bestandsaufnahme von einem Tag X in einem bestimmten unternehmerischen Kontext.

Die Vergleichbarkeit zweier EFQM Assessments ist immer davon abhängig, wie stark sich die Rahmenbedingung ähneln bzw. wie stark sich der Kontext der Organisation verändert hat. Sind die Wettbewerber und der unternehmerische Kontext ähnlich geblieben, besteht eine hohe Korrelation zwischen den EFQM Assessments. Haben sich die Rahmenbedingungen und/oder die Wettbewerbslandschaft aber signifikant verändert, können EFQM Assessments nur bedingt mit einander verglichen werden.

 

Zum Autor

Portrait Christopher LessiakMag. Christopher Lessiak ist in der Baubranche bei der FunderMax GmbH tätig, die 2018 mit dem Staatspreis Unternehmensqualität ausgezeichnet wurde. Zuständig für Strategisches Marketing und Pricing, beschäftigt er sich ebenfalls intensiv mit der internen Anwendung des EFQM Excellence Modells. Er ist auch als Assessor im Staatspreis Unternehmensqualität aktiv.

 

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