07. Jan 2021

Wozu überhaupt netzwerken?

Das entdorfte Netzwerk

Ich kann mich noch sehr gut erinnern: Alle Dorfbewohner sind zusammengekommen. Es war eine Selbstverständlichkeit in meinem Heimatdorf im Bayerischen Wald. Das war wohl schon immer so. Als ich noch Kind und Jugendlicher war, da war das auch noch so. Wenn ein Dörfler ein Haus, eine Scheune, einen Stall gebaut hat und es um das Eindecken des Daches ging, dann half man sich: mit einer „Menschen-Dachziegelkette“ von der Dachziegelpalette über viele Hände die Leiter hinauf auf das Dach. Jedes noch so riesige Dach wurde auf diese Weise schnell gedeckt. Ohne Kräne. Einfach nur durch Menschen, die zusammenarbeiteten – durch ein funktionierendes Netzwerk, das eine Selbstverständlichkeit war.

Man raufte und man raufte sich wieder zusammen

Man kannte sich. Man hatte eine gemeinsame Dorfgeschichte. Man traf sich in der Dorfmitte. Manchmal raufte man auch in der Dorfmitte. Und dann raufte man sich auch wieder zusammen. Ein Netzwerk hält einiges aus und kann einiges leisten. Das ist auch heute noch so. Auch wenn sich mittlerweile die Netzwerke aus den Dörfern heraus eher verlagert haben. Dort, wo man sich nicht kennt und auch nichts voneinander weiß, dort kann auch kein Netzwerk entstehen. Das machte und macht den Charme von Dörfern und Dorfmitten aus: Man kannte und kennt sich. Man pflegte seine Werte und übersetzte diese in gewünschte Normen und Verhaltensweisen, die gefördert, kommuniziert und durch Taten vorgelebt wurden. Das war die Dorfkultur. Das ist sie an vielen Stellen vielleicht auch heute noch so. Und das ist im Einklang mit dem Kriterium zur Organisationskultur im EFQM Modell.

Durch facebook, twitter, LinkedIn, Instagram etc. ist die Dorfmitte schon seit langem überall. Es gibt nur noch Dorfmitten. Aber es gibt keine dazugehörigen Dörfer mehr. Es stellt sich nur die Frage, ob diese neuen, quantitativ weit überlegenen Netzwerke es auch schaffen könnten, Dächer zu decken. Die Antworten darauf sind schon lange gegeben: Es ist sehr oft sehr finster in diesen neuen Dorfmitten. Das ist nicht durchgängig so:

Denn, wenn es um das Generieren und Verteilen von neuem Wissen und damit auch um Innovation und Agilität geht, dann sind moderne Netzwerke unschlagbar. Dazu müssen aber fünf Grundbedingungen stimmen.

Erstens: Viele Hände schaffen ein schnelles Ende.

Damit wäre das unendliche Netzwerk das allerbeste. Es wären sodann unendlich viele Hände und das Dach wäre gedeckt, bevor überhaupt der Dachstuhl auf dem Bau steht. Selbstverständlich ist das absurd. Es gibt eine wissenschaftlich belegte Zahl zur Größe eines sinnvollen, also effektiven Netzwerkes. Es sind 150 Mitglieder. Der Psychologe Robin Dunbar hat diese ideale Zahl anhand seiner Studien über soziale Verbindungen bei Affen für Menschen hochgerechnet. 150. Sie erinnert an eine Dorfgemeinschaft. Es treffen sich in der Dorfmitte nicht jeden Tag alle 150, aber in unterschiedlicher Zusammensetzung zu unterschiedlichen Zeiten scheint das nachvollziehbar.

Zweitens: Wie kann ich ein Netzwerk bilden oder wie werde ich ein Teil eines Netzwerkes?

Das heißt: Ich muss mich zur Dorfmitte begeben und dort sichtbar sein. Oder ich setze mich auf die „Gredbeng“ vorm Haus. Die Gredbeng ist ein bayerisches Wort für eine Bank neben der Haustür, von der aus man ins Dorf schauen kann und sichtbar ist. Es gibt sie noch, diese Bänke. Aber es gibt nicht mehr viele und wenn es sie noch gibt, dann sind sie oft nur noch Zierde. Es sitzt niemand mehr vor der Tür; eher dahinter. Sitzt man im Wohnzimmer, setzt sich niemand außerhalb der eigenen vier Wände dazu. Heute ist die Gredbeng ein Account auf facebook und ob ich darauf sitze, das wird durch einen grünen Punkt angezeigt. Sichtbar ist aber mehr als ein grüner Punkt.

Drittens: Wozu überhaupt netzwerken?

Wir sitzen auf der Gredbeng, der grüne Punkt leuchtet … und jetzt? Jetzt wird es ein wenig schwieriger. Warum setzt man sich auf die Gredbeng und geht zur Dorfmitte? Ich meine, dass einem Dorfnetzwerk eigentlich kein beabsichtigtes Wozu zugesprochen werden konnte und kann. Man hat über die Dorfgemeinschaft weniger bis gar nicht nachgedacht. Sie war, sie ist einfach da. Der Treibstoff ist das Miteinanderreden, das Bindemittel ist der Austausch von Erlebnissen, Erfahrungen. Ein Dorf besteht aus Menschen. An dieser Stelle dürften die Dorfmitte und der grüne Punkt auseinanderdriften. In modernen Netzwerken chattet man zwar auch noch miteinander, aber das oft in sehr überschaubaren und in qualitativ fragwürdigsten Rahmen.

Das Übereinanderreden lässt das Miteinanderreden meilenweit zurück.

Damit haben viele existierende Netzwerke – nicht alle! – keinerlei gemeinsamen Nutzen. Genaugenommen sind es gar keine Netzwerke, da es außer der technologischen Verknüpfung keine Knoten gibt. Ein Netz(werk) besteht aber aus Knoten, die alles zusammenhalten.

Viertens: Die Taten!

Man kennt sich und man weiß, was der andere kann und was nicht. Man weiß, was man einander hat und nicht hat. Das ist in der Dorfmitte allen und gegenseitig bekannt. Es ist der Kit. Einige Dorfbewohner wissen, wie die Dachziegel auf dem neuen Dach anzubringen sind; und für die anderen Dorfbewohner ist es selbstverständlich, in einer Menschenkette dafür zu sorgen, dass die Dachziegel auf das Dach kommen. Hier werden Sie geholfen. Das heißt nicht, dass es allen eine Freude gemacht hat oder macht: es ist sicherlich auch die Folge eines gewissen sozialen Drucks. Es war, es ist kein gegenseitiges Abwägen. Der leuchtende grüne Punkt dagegen ist unverbindlich.

Fünftens: Die Geschichte dahinter.

„Weißt du noch damals, als wir …“ ist eine gute Einleitung für Geschichten auf der Gredbeng und in der Dorfmitte. Es geht um die gemeinsamen Erlebnisse. Netze sind abhängig von den Knoten. Jedes „Weißt du noch damals, als wir“ ist ein Knoten. Ein starker Knoten. Umso mehr Knoten sich in einem Netz befinden, desto stärker ist es. Das ist in einem Netzwerk nicht anders. Jedes „Weißt du noch damals, als wir“ ist eine Geschichte des Netzwerks und trägt zu einer immer stärkeren Identifikation des Netzwerkes bei. Das macht es auch so schwer, als „Zuagroaster“ im Dorf in das Netzwerk aufgenommen zu werden. Das bedeutet Aufwand: für den Neuen, aber auch für das Netzwerk. Es müssen neue Geschichten geknüpft werden, es muss sich eingebracht werden, es muss für Sichtbarkeit gesorgt werden, es muss miteinander gesprochen werden, um Teil der großen ganzen Geschichte werden zu können. Das ist viel mehr, als eine Kontaktanfrage per Mausklick zu bestätigen. Das muss dann auch gefeiert werden. Und auch das findet sich so wieder im EFQM Modell: Erfolgserlebnisse werden erkannt und gefeiert. Nach innen und außen. Neue Geschichten sind entstanden und haben sich in das Gesamtgefüge integriert. Insofern hat ein Dorfnetzwerk tatsächlich etwas von einer Blockchain. Und wie wir wissen: Diese zu verstehen ist alleine schon kompliziert …

Auszug aus Markus Reimer: „Die Seegurke – 24 neue Gewusst-Wie Business-Reflexionen“

Zum Autor

Portrait Markus ReimerDr. phil. Markus Reimer ist international gefragter Keynote-Speaker zu den Themen Innovation, Qualität, Wissen und Agilität. Ebenso ist er qualityaustria Netzwerkpartner, Auditor und Trainer.

www.markusreimer.com

 

Literaturtipp: Markus Reimer „Die Seegurke – 24 neue Gewusst-Wie Business-Reflexionen“

ISBN: 978-3934726-94-9, 160 Seiten, 14,80 €

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