16. Jun 2021

#JederMensch in herausragenden Organisationen

Neue Zeit: Neue Regeln

Wenn die Zeit und vor allem das die Zeit mit sich Führende so schnelllebig sind, dann müssen wir uns genau darauf auch einstellen; einstellen wollen und können. Vieles ist heute nicht mehr linear und monokausal, sondern exponentiell und komplex determiniert. Darin sind wir Menschen nicht so gut. Das begreifen wir meistens nicht. Unser Umgang mit der Pandemie ist dabei nur ein Ausdruck dafür.

Das bekannte Seerosen-Rätsel ist nicht zufällig so fehlerbehaftet in den zumeist gegebenen Antworten. Für den Fall, dass dieses Rätsel doch nicht so geläufig ist:

Es geht darum, dass in einem Seerosenteich sich jede Woche die Anzahl der Seerosenblätter verdoppelt. Jetzt ist der Teich genau zur Hälfte mit Seerosenblätter bedeckt. Das hat exakt acht Wochen gedauert. In wie vielen Wochen wird der gesamte Teich von Seerosenblättern bedeckt sein? Das ist die Frage.

Und weil wir es mit Entwicklungen zu tun haben, die so gravierend sind und die alle Menschen – #JederMensch – betreffen, ist es notwendig, sich neue Regeln zu schaffen, diese gegenseitig zu vereinbaren, durchzusetzen und einzuhalten. Der berühmte Jurist Ferdinand von Schirach hat mit einigen Staats- und Europarechtlerinnen und -rechtlern genau das gemacht und seine Vorschläge vor einigen Wochen veröffentlicht. Er kommt auf sechs neue Grundrechte für ein „neues Europa“.

Dass diese neue Charta natürlich nicht an den Europa-Grenzen halt machen sollte, steht außer Frage. Dass diese sechs proklamierten Grundrechte sich dann auch auf unser aller Leben niederschlagen sollten, das ist die Absicht. Gehen wir sie also durch und setzen sie in Beziehung zu herausragenden Organisationen.

Artikel 1: Jeder Mensch hat das Recht, in einer gesunden und geschützten Umwelt zu leben.

Selbstverständlich ist und bleibt die Frage, wie wir mit der Umwelt umgehen - was uns eher mehr, als weniger unabänderbar bevorsteht - und was wir zu tun gedenken, ganz zentral. Das war schon lange vor Greta Thunberg so. Nur heute brennt eben die Luft nicht mehr nur im sprichwörtlichen Sinne. Nicht nur im EFQM-Modell werden an verschiedenen Stellen konkrete Maßnahmen von herausragenden Organisationen gefordert und erwartet: So wird – nur als Beispiel – im Teilkriterium 5.3 explizit die Kreislaufwirtschaft als Handlungsprinzip für die Zukunft erwartet. Und natürlich können auch die 2015 von den Vereinten Nationen verabschiedeten 17 Nachhaltigkeitsziele - die Sustainable Development Goals - herangezogen werden. Sie sind nicht nur namentlich im EFQM-Modell genannt; sie waren auch schon oft Thema in unserem Blog hier.

 

Artikel 2: Jeder Mensch hat das Recht auf digitale Selbstbestimmung. Die Ausforschung oder Manipulation von Menschen ist verboten.

Es scheint nur so zu sein, als würde im Netz alles kostenlos zur Verfügung stehen. Alles ist darauf ausgerichtet, dass wir uns im Netz wohlfühlen, dass wir Bestätigung erhalten, dass wir alles sehr bequem erreichen können. Große Konzerne sorgen dafür. Dafür ist man bereit, Cookies zu erlauben (zumeist völlig unbedacht), Spuren zu hinterlassen und damit immer sichtbarer für andere zu werden – ohne es zu merken, oder besser: ohne es merken zu wollen. Herausragende Organisationen halten sich hier zurück. Sie sind transparent und verlässlich gegenüber ihren Interessengruppen und achten auf ein hohes Maß an gegenseitigem Vertrauen. Ein Gegenbeispiel führt Ferdinand von Schirach in einem Interview an: „Denken Sie an Cambridge Analytica. Das war ein Unternehmen, das Daten sammelte, um das Wahlverhalten der Menschen zu beeinflussen. Sie werteten etwa 50 Millionen Datensätze von Facebook-Nutzern aus und reklamierten später für sich, sie hätten entscheidend zum Wahlsieg Trumps beigetragen.“ (aus DIE ZEIT, Nr. 14; 31.03.2021; Seite 6). Und in diesem Zusammenhang ist auch gleich der nächste Artikel anzuführen.

Artikel 3: Jeder Mensch hat das Recht, dass ihn belastende Algorithmen transparent, überprüfbar und fair sind. Wesentliche Entscheidungen muss ein Mensch treffen.

Der Essayist und Wirtschaftsdenker Wolf Lotter hat sinngemäß den schönen Satz geprägt: „Wir brauchen nicht weniger künstliche, wir brauchen mehr natürliche Intelligenz!“ Das ist sehr klug. Denn die künstliche Intelligenz scheint vor allem dann überbordend mächtig zu werden, wenn man mit relativ wenig gesundem Menschenverstand, also wenig natürlicher Intelligenz auf das blickt, was sich da vor einem auftürmt. Oder das einfach gar nicht blickt.

 

Artikel 4: Jeder Mensch hat das Recht, dass Äußerungen von Amtsträgern der Wahrheit entsprechen.

Der Artikel ist eher als Allgemeinplatz, als eine Selbstverständlichkeit zu lesen. Und dennoch zeigt uns die Erfahrung, dass das mit der Wahrheit bei Amtsträgern öfter nicht ganz so ausgeprägt ist. Insofern ist der Grundgedanke dahinter für die Praxis von großer Bedeutung. Und geht man nun wieder zur herausragenden Organisation, dann wird von diesen gefordert, die Kommunikations- und Kontaktbedürfnisse der verschiedenen Kund*innengruppen zu verstehen. Darauf angemessen zu reagieren begründet nachhaltige Beziehungen. Und genau solche pflegen herausragende Organisationen. Die Wahrheit spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle.

 

Artikel 5: Jeder Mensch hat das Recht, dass ihm nur solche Waren und Dienstleistungen angeboten werden, die unter Wahrung der universellen Menschenrechte hergestellt und erbracht werden.

Der nachhaltige Konsum, und damit natürlich noch mehr die nachhaltige Produktion gelangen immer mehr ins Bewusstsein der Menschen. Aber nicht bei allen Menschen und schon gar nicht überall auf unserer Erde. Weil es sich zum Teil auch gar nicht anders machen lässt, wenn sich Rahmenbedingungen nicht ändern. In Deutschland wurde dazu vor kurzem das Lieferkettengesetz auf den Weg gebracht. Welches auch als inhaltlicher Anstoß für ein entsprechendes europäisches Gesetz gelten soll.

Die hier bereits angesprochenen und auch im EFQM-Modell in den Grundlagen benannten 17 SDGs fordern genau das von herausragenden Organisationen.

Schlussendlich formuliert Ferdinand von Schirach noch seinen letzten Artikel als Vorschlag für die Erweiterung der Grundrechte.

 

Artikel 6: Jeder Mensch kann wegen systematischer Verletzungen dieser Charta Grundrechtsklage vor Europäischen Gerichten erheben.

Manfred Nowak, Vorstand des Wiener Forums für Demokratie und Menschenrechte, sagt zu den genannten sechs Artikeln: „Die sechs Forderungen, die Ferdinand von Schirach formuliert hat, betreffen Themen, für die ich mich seit Jahrzehnten international engagiere – wie die Einhaltung von Menschenrechten in einer globalisierten Welt und das Recht auf den Schutz unserer Umwelt. Ich bin überzeugt, dass wir durch die Zusammenarbeit im Rahmen dieser Initiative neue Bewegung in diese Diskussion bringen werden. Gemeinsam mit dem Wiener Forum für Demokratie und Menschenrechte können wir die Demokratie weiterentwickeln und ein neues und gerechteres Europa gestalten.“ (aus www.humanrights.at)

Organisationen, die sich an dem EFQM-Modell inhaltlich orientieren, die vorgesehenen Grundlagen verstehen und umsetzen werden nicht nur für ein gerechteres Europa, sondern für eine gerechtere Welt sorgen. Bis dahin ist aber noch ein langer Weg. Gut ist, dass er von mehreren Seiten aus begangen wird. Die Hinweisschilder sind aufgestellt und für alle sichtbar.

Zum Autor

Portrait Markus ReimerDr. phil. Markus Reimer ist international gefragter Keynote-Speaker zu den Themen Innovation, Qualität, Wissen und Agilität. Ebenso ist er qualityaustria Netzwerkpartner, Auditor und Trainer.

www.markusreimer.com

 

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